Stephen Chidwick gehört zur absoluten Spitze des weltweiten Pokers. Im Alter von 37 Jahren hat er über 76 Millionen $ in Live-Turnieren gesammelt und zwei goldene WSOP-Bracelets gewonnen. Damit steht er an zweiter Stelle der All-Time Money List direkt hinter Bryn Kenney. Chidwick hat sich den Ruf eines stillen, bedachten „Killers“ bei seinen Mitspielern verdient – am Tisch spricht er wenig, ist immer auf das Spiel fokussiert und versteht es, seinen Gegnern in den Kopf zu schauen. Gerade wegen seiner zurückhaltenden Art gilt: Wenn er sich einmal äußert, lohnt es sich zuzuhören.
Kein Wunder, dass sein kürzlicher Auftritt auf Reddit für Aufsehen sorgte, wo er ein AMA (Ask Me Anything) veranstaltete – ein Format des öffentlichen Gesprächs, in dem Fans beliebige Fragen stellen können. Die Mitglieder der r/poker-Community ließen sich diese Gelegenheit nicht entgehen und überschütteten ihn mit neugierigen Fragen zu Strategien bei High Rollern bis hin zu seinem Privatleben. Stephen antwortete offen und gewissenhaft und bot den Fans einen einzigartigen Einblick in seine Gedankenwelt und die Hintergründe seiner Erfolge. Im Folgenden präsentieren wir die interessantesten Erkenntnisse aus diesem außergewöhnlichen Gespräch.
Der tatsächliche Gewinn aus 76 Millionen $ Turniergewinnen
Eine der populärsten Fragen kam gleich zu Beginn: „Stephen, wie viel von deinen 76 Millionen $ Turniergewinnen ist reiner Gewinn?“ Chidwick wich der Antwort nicht aus. Er gab zu, dass er die genauen Zahlen aus den frühen Jahren seiner Karriere nicht kennt, aber schätzt seinen tatsächlichen Gewinn „irgendwo im Bereich von 5 bis 10 Millionen $“. Mit anderen Worten, von jedem gewonnenen $ blieben ihm nur etwa 10 Cent reiner Gewinn. Diese Information überraschte viele Fans – Chidwicks etwa 76 Millionen $ an lebenslangen Gewinnen bedeuten nur 6,5-13 % realen Profit. Wenn man bedenkt, dass dies eine Summe aus etwa 18 Jahren auf der Tour ist, ergibt das durchschnittlich ein paar Hunderttausend $ jährlich. Das ist zwar ein Spitzenverdienst, aber weit entfernt von den Vorstellungen der Laien, die bei einer Summe von 76 Millionen märchenhaften Reichtum erwarten.

Chidwick gab auch offen zu, dass die meisten Turnierspieler enorme Ausgaben haben – sei es für Buy-Ins oder den Verkauf und Tausch von Anteilen. In seinem Fall ist das nicht anders. In jedem High Roller, an dem er teilnimmt, hat er auch finanzielle Anteile an 2-3 anderen Spielern (er tauscht Gewinnprozente). Deshalb sollte man die angegebenen „Gewinne“ mit Vorsicht genießen – an der Spitze des Turnierpokers ist es oft so, dass die Umsätze groß, die Marge jedoch relativ klein ist. Chidwicks Schätzung von 5-10 Millionen reinem Gewinn zeigt, dass selbst einer der besten und erfolgreichsten Pokerspieler in seiner Karriere weniger verdienen kann, als viele erwarten würden.
Turnierroutine und mentale Vorbereitung
Weitere Fragen richteten sich auf die Vorbereitung vor großen Turnieren – hat Stephen ein Lieblingsritual vor dem Spiel? Hört er Musik, studiert er Strategien oder verlässt er sich einfach auf seine Erfahrung? Die Antwort des britischen Profis enthüllte seinen disziplinierten Ansatz:
„Ich versuche, den Schlaf zu priorisieren. Ideal ist es, wenn ich vor dem Spiel ans Tageslicht komme und genug Bewegung bekomme. Wenn ich die Zusammensetzung des Tisches schon kenne, gehe ich meine Notizen über die Gegner durch und lege einen allgemeinen Plan fest, wie ich übliche Situationen angehen möchte. Kurz vor dem Spiel meditiere ich fast immer oder mache Atemübungen. Manchmal Musik, manchmal philosophische oder motivierende Inhalte – je nachdem, was ich gerade brauche.“
Interessanterweise legt Chidwick bei der Auswahl der Turniere nicht nur Wert auf „softe“ Events. Ganz im Gegenteil – er verriet, dass bei der Entscheidung über den Turnierkalender für ihn nicht entscheidend ist, wie viele schwache Spieler teilnehmen werden, sondern vielmehr, wie hoch der Buy-In ist und welchen Wert das Event darstellt. Normalerweise bevorzugt er größere Turniere oder Serien, in denen er möglichst viele Hände spielen kann, gegenüber kleineren, „softeren“ Events. Diese Mentalität erklärt teilweise, warum er sich an die Spitze gearbeitet hat – er scheut sich nicht vor elitärer Konkurrenz, sondern wird durch sie motiviert, sich ständig zu verbessern. Auf die Frage, welche Events und Serien er am liebsten mag, antwortete er eindeutig: „Triton ist immer ein tolles Erlebnis. Aber auch die PokerGO-Events in Aria sind sehr komfortabel und sehr spaßig.“
Following my Reddit AMA this week, one question got a lot of attention:
— Stephen Chidwick (@ChidwickStephen) January 24, 2026
“Of $76m in cashes, how much is profit?”
I estimated $5–10m (cashes minus buy-ins).
I figured I’d add some context to these numbers and address a few of of the misconceptions that came up.
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Poker in der Ära der Solver: Intuition versus GTO
Als Spieler, der die Ära vor den Solvern und danach erlebt hat, erhielt Chidwick die Frage, welche Fähigkeiten im modernen Turnierpoker unterschätzt werden und wie ernsthafte Interessenten an einer Pokerprofi-Karriere diese trainieren sollten. Seine Antwort verwies auf ein interessantes Paradox unserer Zeit:
„Meiner Meinung nach ist die am meisten unterschätzte Fähigkeit, dem Gegner eine Range zuzuweisen und über die Hand von Anfang an nachzudenken – und dennoch Intuition einzubeziehen. Es ist sehr einfach, eine Lösung im Solver anzusehen und nicht tiefer zu gehen – also nicht zu beobachten, wie Menschen tatsächlich spielen und was alles die Simulation nicht erfasst. Ich versuche im Kopf meines Gegners zu sein, wenn ich Hände beobachte, bei denen ich nicht involviert bin, und kombiniere, was passieren könnte. Dann kontrolliere ich, ob ich richtig lag – und oft überrascht mich, was sich herausstellt.“
Naturlich kam auch das Thema Pokersolver und deren Bedeutung zur Sprache. Laut Stephen sind solide theoretische Grundlagen unerlässlich, ohne die man nicht weit kommt. Aber wenn man diese hat, kann man auch mit einer soliden ABC-Spielweise durchbrechen, solange man bessere Entscheidungen trifft und die Intuition gegen die Gegner nutzt.
„Ich würde nicht sagen, dass Solver zwingend notwendig sind. Es gibt auch erfolgreiche Spieler auf den höchsten Einsätzen, die Solvern nicht viel Zeit widmen – aber dann musst du wirklich ein gutes Lesen von Menschen und so eine Poker-„Intuition“ haben. Das grundlegende Verständnis musst du unbedingt haben. Und dann hängt es davon ab, was du spielst und welche Ambitionen du hast. Du kannst es immer so machen, dass du besser bist als die Gegner – das ist der Schlüssel.“

Im AMA erinnert er sich an den Moment, als er zum ersten Mal das Programm PioSolver ausprobierte. „Das war noch in Zeiten, als Solver neu waren. Ich verstand sofort, welch mächtiges Werkzeug ich in den Händen hielt und wie viel man daraus lernen konnte. Ich ging mit dem All-In, entschlossen, so viel wie möglich zu lernen, weil ich wusste, dass früher oder später jeder diese Hilfsmittel verwenden würde.“
Wie bei jedem AMA fehlte auch hier nicht die philosophische Frage: strikt GTO spielen oder dem Instinkt folgen? Chidwick betont, dass es kein Entweder-oder ist. Im Idealfall geht es für ihn darum, das theoretisch optimale Spiel mit Exploits basierend auf Reads zu balancieren. „Ich versuche immer, beides in der richtigen Balance zu kombinieren, je nachdem, wie stark mein Gefühl ist, wie gut der Gegner ist und welchen großen Unterschied ich gegenüber ihm machen würde. Niemand spielt perfekt GTO, daher gibt es immer Raum, den Gegner mit etwas zu überraschen.“
Unvergessliches Spiel mit Doyle Brunson
Unter den vielen Fragen stach eine persönliche heraus – Welche ist deine denkwürdigste Hand in der Karriere? Chidwick zog als Antwort eine 16 Jahre alte Geschichte hervor:
„Mein Moment aus 'Rounders' kam bei meinem ersten WSOP im Jahr 2007. Ich spielte 10.000 $ NL 2-7 Single Draw und saß mit dem legendären Doyle Brunson am Tisch. In einer Hand machte ich gegen ihn einen großen Bluff – aus dem small Blind 3-betete ich seinen Raise aus später Position. Ich entschied mich, keine Karte zu ziehen – blieb mit einer niedrigen Straße pat, Doyle zog eine Karte. Ich checkte, und er setzte eine große Bet, auf die ich mit einem Check-shove Bluff antwortete. Er murmelte und dachte einen Moment lang nach, entschied sich aber schließlich, die Karten wegzuwerfen. Ich zeigte meinen Bluff, Doyle sah mich an und sagte anerkennend ‚Schön geblufft, Junge‘. In diesem Moment fühlte ich mich wie der König der Welt.“

Diese Geschichte, die an eine ikonische Szene aus dem Film Rounders erinnert (wo ein junger Pokertalente Johnny Chan schlägt), fängt perfekt Chidwicks Mut ein, als er sich als 18-Jähriger nicht vor dem berühmten Brunson fürchtete und sich solch einen Bluff erlaubte.
Reisen und das Balancieren von Familie und Poker
Mit dem Leben eines Pokerprofis sind untrennbar auch das Reisen und lange Tage und Wochen fern von zu Hause verbunden. Wie lassen sich das mit dem Privatleben vereinbaren und ob ihm das Reisen Spaß macht, darauf antwortete er selbst:
„Reisen hat mich gerade wegen der Events gepackt und ich habe es sofort geliebt. Früher ließ sich das aber einfacher kombinieren, als die Programme lockerer waren. Heute sind die Zeitpläne vollgepackt und es bleibt neben dem Spiel nicht viel Zeit, die Orte zu erkunden. Meistens gilt also, dass wenn ich wirklich etwas vom Reisen haben möchte, muss ich reisen, ohne mich primär auf das Spiel zu konzentrieren.“
Zum Schluss berührte er auch das Thema Freizeit und nicht-pokerspezifische Interessen. „Ich verbringe gerne meine Freizeit mit der Familie oder klettere auf Felsen. Natürlich widme ich auch viel Energie meiner Arbeit an Octopi Poker, wo es mir gelingt, ein Produkt aufzubauen, das die positiven Seiten des Spiels zeigt. Es ist ein kreativer Prozess und die Arbeit in einem großartigen Team, die ich wirklich genieße.“
Hier findet ihr das gesamte Reddit AMA mit Stephen
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Quellen – Reddit, Flickr/PSlive, TritonPokerSeries, HendonMob