„Wenn du am Tisch sitzt und denkst, dass die anderen besser sind als du, dann solltest du gar nicht erst dort sitzen“, sagt Riess. Poker verzeiht laut ihm keine Zweifel. Du musst nicht der beste Spieler im Raum sein, aber du musst daran glauben. Ansonsten fängst du an, Angst zu haben, Hände zu folden, die du nicht folden solltest, und ein Spiel zu spielen, das du nicht spielen willst.
Der Sieg, der sein Leben veränderte
Als der 23-jährige Ryan den Final Table des Main Events betrat, dachte er weder an die Auszahlungen noch daran, was ein sechster oder fünfter Platz bedeuten würde. Er wollte gewinnen. Einfach, weil er sich kein anderes Szenario in seinem Kopf vorstellen konnte. Heute gibt er zu, dass er naiv gewesen ist - doch genau diese Naivität erlaubte ihm, ohne die Last von Erwartungen zu spielen.
„Heute würde ich auf die Payouts schauen. Damals nicht“, sagt er. Poker hat sich inzwischen verändert. Es ist technischer geworden, vorsichtiger, mehr auf das Überleben als auf den Sieg ausgerichtet. Riess behauptet jedoch, dass es in den großen WSOP Feldern immer noch der größte Fehler ist, zu maschinell und perfekt zu spielen. „Wenn du alle Chips haben willst, musst du exploiten. GTO wird dich dorthin nicht bringen.“
Auch deshalb unterscheidet sich sein Ansatz heute je nach Buy-In. In High Roller Turnieren respektiert er das ausgewogene Spiel und die technische Perfektion seiner Gegner, in Massenevents hingegen geht er aufs Maximum, indem er die Tendenzen und Gewohnheiten seiner Gegner liest. Es geht nicht darum, wie eine bestimmte Strategie aussieht, sondern wie viele Chips es ihm bringen kann. Für ihn ist es das kleinere Übel, ausnutzbar zu sein, als passiv zu sein.
Die Jagd nach dem zweiten Titel
Interessanterweise hat Riess auch mehr als ein Jahrzehnt nach diesem ikonischen Sieg nicht das Gefühl, dass Poker für ihn ein abgeschlossenes Kapitel ist. Ryan ist sowohl im Online- als auch im Live-Poker aktiv, und in über einem Jahrzehnt hat er bereits seine Rekordsumme von 8,3$ Millionen Turniergewinnen verdoppeln können (laut HendonMob-Datenbank zeigt er zum 1.1.2026 Gewinne in Höhe von insgesamt 16,9$ Millionen).
Das zweite Bracelet möchte er auf jeden Fall, aber eine Sache reizt ihn noch mehr - erneut das Main Event zu gewinnen. Nicht wegen des Geldes, nicht wegen der Statistiken, sondern weil es das Turnier ist, das Poker mehr definiert als jedes andere. „Es ist etwas, das sich nicht beschreiben lässt“, sagt er. Und in seinen Worten spürt man, dass er in einer Sache auch nach all den Jahren gleichgeblieben ist - er glaubt immer noch, dass es möglich ist. Und genau darin unterscheidet er sich von den meisten Spielern am Tisch.
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