Orpen Kisacikoglu im GTO Lab Podcast: Solver gibt schnelle Antwort, nimmt aber den Denkprozess

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Orpens Pokercarre begann nicht mit einem Grind auf Microstakes oder tausenden von Online-Turnieren. Er wuchs im Geschäftsleben auf, studierte Bauingenieurwesen und hatte bereits vor seinem dreißigsten Lebensjahr erfolgreiche Projekte im Bereich Online-Gaming und Marketing hinter sich. Lange Zeit war Poker für ihn nur ein geselliges Spiel nach der Arbeit. Der Wendepunkt kam, als er in Monte Carlo auf Ben Heath und Charlie Carrell traf und erkannte, dass Poker eine vollwertige technische Disziplin ist, die systematisch studiert werden kann.

Poker ohne Geschichte und Gewohnheiten

Viele Zuhörer dieses Podcasts waren überrascht, dass Orpen ohne jede „Pokervergangenheit“ in die High Stakes eingestiegen ist. Er hatte keine jahrelange Online-Erfahrung, keine Reads auf Gegner und keine entwickelten Routinen. Was für die meisten Spieler ein Vorteil ist, war für ihn anfangs ein großer Nachteil. Als er das erste Mal auf Solver-Auswertungen blickte, kam sie ihm wie eine völlig fremde Sprache vor. Farben, Kombinationen und Frequenzen sagten ihm nichts.

Es dauerte Jahre intensiven Coachings, bis er verstand, was der Solver tatsächlich zeigt und warum. Erst während der Pandemie erreichte er den Punkt, an dem er eigenständig studieren konnte. Gerade die Abwesenheit alter Gewohnheiten sieht er heute als einen seiner Vorteile. Er musste keine schlechten Automatismen „verlernen“ und konnte die Theorie als Ausgangspunkt und nicht als Korrektur seiner Intuition betrachten.

Die Kehrseite der Solver und ICM als entscheidender Vorteil

Eines der Hauptthemen des Podcasts ist die Kritik am oberflächlichen Gebrauch von Solvern. Laut Orpen geben sich viele Spieler damit zufrieden, einfach das Ergebnis zu „klicken“ und zu erfahren, ob ein Call oder ein Fold am River „okay“ war. Doch damit endet jegliches tiefere Verständnis – warum das Ergebnis so aussieht und welche Logik dahintersteckt, bleibt unbeleuchtet. Solvers haben in einigen Fällen Spieler schlechter gemacht, weil sie aufgehört haben, über Hände zu diskutieren, die Ranges der Gegner zu analysieren und im Kontext zu denken. Der Solver gab ihnen eine schnelle Antwort, nahm ihnen aber den Denkprozess. Die Spieler hörten auf, sich zu fragen „warum“ und begnügten sich mit dem „was“.

Orpen spricht offen darüber, dass er den Großteil seiner Studienzeit dem ICM widmet. Er schätzt, dass mindestens 65 % seiner Vorbereitung langfristig darauf entfallen. Der Grund ist einfach: Entscheidungen, bei denen ICM eine Rolle spielt, treten zwar seltener auf, haben jedoch einen wesentlich höheren finanziellen Einfluss als normale Chip-EV-Situationen. Er betont, dass die Größe des Feldes in diesem Zusammenhang keine entscheidende Rolle spielt.

Egal ob ein Spieler in einem 400-Mann-Turnier oder einem großen Massen-Event antritt, der Prozentsatz der Spieler, die cashen, bleibt ähnlich. In diesen Momenten entscheiden sich die Karrieren. Laut Orpen ist es ein viel größeres Problem, die Ranges am Final Table ohne guten Grund um ein paar Kombinationen zu erweitern, als einen kleinen Fehler in der frühen Phase des Turniers zu machen. Fehler in Bezug auf ICM sind leise, aber extrem teuer.

Exploiting, Backing und Varianz

Obwohl seine technische Basis auf GTO basiert, betont Orpen die Bedeutung des exploitativem Spiels. Er gibt zu, dass er anfangs zu starr war – er lehnte Folds ab, die der Solver nicht empfahl, und unterschätzte die Abweichungen der Gegner von der Theorie. Allmählich erkannte er jedoch, dass Menschen nicht wie ein Solver spielen. Gerade die Fähigkeit zu erkennen, wann und wie sich ein Gegner von der theoretischen Balance entfernt, ist der Schlüssel zum Erfolg. In kleineren und bekannteren Feldern ist dieser Aspekt noch deutlicher, da der Spieler mehr Informationen über die Tendenzen der Gegner hat. Für ihn ist der ideale Spieler jemand, der die Theorie so gut versteht, dass er bewusst und richtig davon abweichen kann.

Ein bedeutender Teil des Gesprächs widmete sich dem Backing. Orpen ist bekannt dafür, dass er Backing ganz anders betrachtet als der Großteil des Marktes. Er sieht den Spieler nicht als Angestellten, sondern als CEO seines eigenen „Unternehmens“. Er selbst ist nur der Investor. Beim Backing ist er extrem wählerisch und sagt, dass er deutlich mehr Leute ablehnt als annimmt. Für ihn zählen nicht nur das Spielniveau, sondern auch die persönliche Kompatibilität. Poker soll Spaß machen, nicht Spannungen erzeugen. Deshalb ist er flexibel in den Deals, offen für Veränderungen und lehnt es ab, Druck auf die Ergebnisse auszuüben.

Orpen spricht offen darüber, dass selbst der beste Spieler der Welt zehn Jahre lang nichts gewinnen kann. Für die Pokergemeinschaft mag das unvorstellbar sein, aber mathematisch ist es durchaus möglich. Gerade deshalb betrachtet er die öffentliche Bewertung von Spielern anhand von Titeln und Trophäen als extrem irreführend. Seiner Meinung nach gibt es im Poker kein verlässliches Bewertungssystem. Wir sehen die meisten Spiele nicht, kennen die genauen Entscheidungen nicht, und die Ergebnisse sind von Varianz durchzogen. Das Einzige, was wirklich zählt, ist der Respekt der Spieler, die das Spiel verstehen und wissen, worauf sie achten.

Poker als Prozess, nicht als Ziel

Am Ende des Gesprächs betont Orpen, dass Poker für ihn nie um das Label „Profi“ oder „Hobbyspieler“ ging. Er glaubt, es gibt nur gute und schlechte Spieler. Wichtig ist, ob der Spieler versucht, sich zu verbessern und versteht, was er tut. Poker ist ein Spiel, bei dem das Ergebnis oft täuscht. Das Einzige, worauf man sich verlassen kann, ist der Prozess – Studium, Diskussion, Verständnis und die Fähigkeit, Unsicherheiten zu ertragen. Wer diesen Prozess liebt, hat die Chance, auch die schlimmsten Phasen zu überstehen. Wer sich nur auf Ergebnisse fixiert, wird früher oder später gegen eine Wand laufen.

 

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Quellen – Podcast GTO Lab, Flickr, PGT