Leon Sturm im GTO Lab Podcast: Wie man eigenständig im High Roller Umfeld denkt

Article cover

Leon Sturm hat sich in den letzten Jahren als einer der jungen Spieler etabliert, die sich im High Roller Umfeld behaupten konnten. In dieser Episode des GTO Lab Podcasts spricht Jonathan Jaffe mit ihm über seinen Weg von Online-Spielen und Streamen, unter dem Pseudonym „Remulus“, hin zu regelmäßigen Konfrontation mit erheblich erfahreneren Gegnern. Das Gespräch bietet Einblicke, wie man sich auf Poker vorbereitet und wie es ist, wenn die technische Ebene nicht mehr das Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen den Spielern ist.

Von Online-Tischen zu den größten Spielen

Zu Beginn des Gesprächs spricht Sturm darüber, dass sein Übergang in das High Roller Umfeld nicht das Ergebnis eines einzigen Durchbruchs oder eines außergewöhnlichen Gewinns war. Vielmehr handelte es sich um eine schrittweise Erhöhung der Anforderungen an sich selbst und die Konfrontation mit der Realität starker Spielerfelder. Als einer der jüngeren Spieler an den Tischen wurde ihm schnell klar, dass weder Alter noch Talent ausreichen – entscheidend sind konsistent zu denken und die Anpassungsfähigkeit.

Im Gespräch gibt er zu, dass er den Unterschied zwischen sich und älteren Spielern zunächst vor allem psychologisch wahrgenommen hat. Der Jüngste am Tisch zu sein bedeutet, sich ständig mit Zweifeln, Vergleichen und eigenen Erwartungen auseinanderzusetzen. Diese Erfahrung zwang ihn, an seiner mentalen Widerstandsfähigkeit zu arbeiten, bevor er dies auf natürliche Weise getan hätte.

GTO ist nicht die Antwort auf alles

Eines der zentralen Themen des Podcasts ist Sturms Sicht auf GTO-Strategien. Solver stellen seiner Meinung nach einen wichtigen Rahmen dar, sind aber nicht die Antwort auf jede Situation. Er weist darauf hin, dass Spieler, die versuchen, spezifische Outputs auswendig zu lernen, ohne deren Ursachen zu verstehen, Schwierigkeiten haben, in realen, unkonventionellen Spots zu reagieren.

Sturm betont, dass das Ziel des Studiums nicht sein sollte, „wie ein Solver zu spielen“, sondern zu verstehen, warum der Solver bestimmte Spielzüge bevorzugt. Erst wenn ein Spieler die gesamte Mathematik und Logik hinter den endgültigen Outputs versteht, können diese Prinzipien auf das Live-Umfeld übertragen werden, wo auch andere Faktoren wie die Tischdynamik, Psychologie und der Druck der Situation ins Spiel kommen.

Im Gespräch räumt er offen ein, dass sein Studium nicht immer ideal strukturiert ist. Im Gegenteil – er spricht von der Tendenz, sich zu sehr in eine Vielzahl von Details und Spots mit niedrigem EV zu verlieren. Er erkennt jedoch zunehmend, dass effektive Verbesserung klar abgegrenzte Lernblöcke und eine Auswahl der Themen erfordert, auf die er sich konzentriert.

Gleichzeitig warnt er vor der Gefahr, von verschiedenen Meinungen überflutet zu werden. Zu viele externe Stimmen können zu einem Vertrauensverlust in die eigenen Entscheidungen führen. Laut Sturm ist es wichtig, einen eigenen Filter zu entwickeln und nur mit einer begrenzten Anzahl von Quellen zu arbeiten, die der Spieler versteht und denen er vertraut.

Mentale Belastung und Selbstkritik

Ein bedeutender Teil des Gesprächs befasst sich mit dem mentalen Aspekt des Spiels. Sturm spricht offen über Angst, inneren Druck und starke Selbstkritik, die ihn besonders in anspruchsvollen Turnieren begleiten. Er gibt zu, dass Komfort am Tisch für ihn nicht selbstverständlich ist und dass Poker oft „Kampf-oder-Flucht“-Reaktionen bei ihm hervorruft. Der Unterschied zwischen den besten Spielern und dem Rest des Feldes liegt seiner Meinung nach nicht im Fehlen von Stress, sondern in der Fähigkeit, ihn zu regulieren. Er versteht, dass langfristiger Fortschritt ohne Arbeit an der mentalen Einstellung, Routine und Selbstpflege außerhalb des Pokers nicht möglich ist.

Er gibt offen zu, dass er ein Gleichgewicht zwischen Poker und dem Leben außerhalb davon sucht. Er spricht über die Rückkehr zum Studium, die Notwendigkeit sozialer Kontakte, Bewegung in der Natur und die Begrenzung digitaler Überlastung. Poker kann seiner Meinung nach nicht die einzige Säule der Identität sein, da sonst jeder Misserfolg zu tief in das persönliche Erleben eingreift.

Diese Episode des GTO Lab bietet einen realistischen Blick auf modernes Poker ohne Illusionen über Abkürzungen. Sie zeigt, dass in der Ära der Solver immer noch die Fähigkeit, eigenständig zu denken und den mentalen Druck zu bewältigen, entscheidend ist:

 

Mehr aus dem GTO Lab Podcast

 

Orpen Kisacikoglu: Solver gibt schnelle Antworten, aber nimmt den Denkprozess

Alex Ponakovs: Warum eigenständiges Denken wichtiger ist als blindes Folgen der Solver

Nick Petrangelo: In $100k Turnieren gibt es keine schwachen Spieler mehr, umso mehr muss man ständig arbeiten

Daniel Negreanu: Jahrelang an der Pokerspitze zu sein, ist harte Arbeit, kein Zufall

Fedor Holz: Früher wollte ich Gewinne, Titel und Geld. Heute möchte ich glücklich sein

 

 

 

Quellen – GTO Lab Podcast, Flickr, PokerNews