Eugene Katchalov über Poker: Flexibilität entscheidet

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„Der größte Fehler ist zu denken, dass du es verstanden hast,“ sagt Katchalov gleich zu Beginn seines Auftritts bei Chasing Poker Greatness. Gerade übermäßige Sicherheit brachte ihn laut eigener Aussage in die schwierigste Phase seiner Karriere. Als er 2011 zum Spieler Nummer eins der Welt wurde, kam die Überzeugung, dass er keinen Druck mehr auf sich ausüben und sich verbessern müsse. Doch Poker bestraft solche Entspannung schneller als alles andere.

Wann man vom Ideal abweichen sollte

Sein Blick auf die Entwicklung des Spiels ist unnachgiebig. Die Solver-Ära hat zwar die technische Ebene der Spieler verbessert, aber auch die gefährliche Illusion geschaffen, dass es einen „richtigen Weg“ gibt, Poker zu spielen. Laut Katchalov ist das das genaue Gegenteil der Realität. Der echte Vorteil entsteht erst in dem Moment, wenn ein Spieler versteht, wann er vom Ideal abweichen muss.

„Wenn jeder versteht, was du tust, hast du keinen Vorteil,“ behauptet er. Deshalb bewunderte er immer Spieler, die keine Angst hatten, „dumm“ auszusehen – Gus Hansen, Vanessa Selbst, Dan „Jungleman“ Cates oder Tom Dwan. Menschen, die bereit waren, ihren Ruf für langfristigen Gewinn zu riskieren. Nicht weil sie das Spiel nicht verstanden, sondern weil sie es zu gut verstanden.

Foto von Danny Maxwell - Flickr PokerStars Live

Der Weg abseits von Poker

Nach dem Ausstieg aus dem professionellen Poker tauchte Katchalov in Geschäft und E-Sports ein. Erst dort wurde ihm vollständig klar, wie ähnlich diese Welten sind. Ständige Unsicherheit, unvorhersehbare Probleme, die Notwendigkeit, sich schnell anzupassen. „Es ist nicht wichtig, wie gut du planst. Entscheidend ist, wie du mit Dingen umgehst, die sich nicht planen lassen.“

Heute kehrt er mit einem anderen Ziel zum Poker zurück. Er will nicht erneut in den High Rollern dominieren. Er möchte, dass das Spiel am Leben bleibt. Er warnt vor der bedrohend wachsenden Kluft zwischen Profis und Freizeitsportlern, die das Ökosystem zerstört. Seiner Meinung nach braucht Poker mehr Spaß, mehr Abwechslung und mehr Emotion – weniger sterile Perfektion. „Wenn ein Freizeitspieler keine Chance hat zu gewinnen, kommt er nicht zurück,“ sagt er offen. Genau deshalb faszinieren ihn Formate wie Bomb Pots, Side Bets oder experimentelle Spielmechaniken, die die Lösbarkeit des Spiels stören. Sie sind nicht dazu da, um Profis zu helfen, sondern um Spannung und Unvorhersehbarkeit ins Spiel zurückzubringen.

Katchalov glaubt nicht an die Rückkehr der alten Zeiten, aber an die Evolution. Poker muss seiner Meinung nach das Gleichgewicht zwischen Geschick und Chaos, zwischen Berechnung und Menschlichkeit wiederfinden. Und wenn ihm das nicht gelingt, wird es nur als Spiel für einen engen Kreis elitärer Spieler überleben. „Poker soll ein Kampf der Köpfe sein, kein Wettbewerb der Software,“ schließt er. Und genau in diesem Standpunkt liegt seine wahre Botschaft – nicht in Titeln, sondern im Verständnis, warum dieses Spiel funktioniert. Und wann es aufhört zu funktionieren.

 

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Quellen – Podcast Chasing Poker Greatness, Flickr/PSLive, FB/Katchalov