Eine zweite Chance oder PR-Selbstmord? WPT Global verpflichtet Ren Lin

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Tony „Ren“ Lin hat sich in den letzten Jahren als charismatischer Spieler einen Namen gemacht und über $16 Millionen an Gewinnen angehäuft, was ihn auf den dritten Platz der chinesischen Money-List hebt. Bis Oktober 2025 war er Botschafter von GGPoker, bis ein Skandal bei einem prestigeträchtigen Online-Turnier alles veränderte. Lin hatte dort während eines Spiels einem Schüler namens RealOA Ratschläge gegeben und damit die Fair-Play-Regeln verletzt.

GGPoker reagierte mit sofortigen Konsequenzen – die Gewinne des Schülers wurden konfisziert und Ren Lin bekam eine Sperre. Zudem wurde er vom WSOP Circuit Zypern ausgeschlossen und mit einem Bann für alle WSOP-Events belegt. Lin veröffentlichte daraufhin eine öffentliche Entschuldigung und erstattete geschädigten Spielern eine finanzielle Entschädigung. Er betonte, dass er die ethischen Konsequenzen seiner Handlung nicht bedacht habe.

Die Strafe hielt jedoch nicht lange. Obwohl GGPoker ursprünglich ein unbefristetes Verbot angekündigt hatte, tauchte Ren Lin bereits nach sieben Wochen wieder am Pokertisch auf – er nahm am Dezemberfestival der WSOP Paradise auf den Bahamas teil. Viele in der Community waren schockiert, wie schnell dieser Schritt erfolgte; sogar einige von Lins Verteidigern gaben zu, dass die rasche Rückkehr den ursprünglichen Zweck der Strafe infrage stellt.

WPT Global Botschafter David Lappin kritisierte damals scharf die Veranstalter für ihr kurzes Gedächtnis: In seiner Kolumne warf er der WSOP Doppelmoral vor – strengere Regeln für gewöhnliche Spieler und mildere für prominente High Roller. Ein überraschender Twist kam jedoch Anfang 2026 – Lappins eigene Plattform WPT Global reichte Lin die Hand und bot ihm die Rolle des Botschafters an.

WPT Global vs. World Poker Tour: Ein Familienstreit

Die Nachricht von Ren Lins Engagement löste auch innerhalb der WPT-Strukturen sofort Reaktionen aus. Es ist wichtig zu beachten, dass WPT Global eine Online-Plattform mit einer Lizenz der World Poker Tour ist, die von einer unabhängigen Firma (Seventip N.V.) außerhalb der USA betrieben wird. Trotz der unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse unterscheiden viele Fans oft nicht zwischen den verschiedenen Zweigen der WPT – sei es die Main-Live-Tour, ClubWPT oder die Online-Plattform WPT Global – in den Augen der Öffentlichkeit repräsentieren sie alle die gleiche Marke WPT.

Umso überraschender war die Reaktion des offiziellen World Poker Tour Accounts auf der sozialen Plattform X (Twitter), der sich von diesem kontroversen Schritt distanzierte. Der Hauptaccount der WPT veröffentlichte kurz nach der Ankündigung eine Erklärung: „WPT Global ist nur ein lizenzierter Partner der World Poker Tour. Wir genehmigen keine ihrer Botschafter offiziell.“ Mit anderen Worten: Die World Poker Tour wollte öffentlich klarmachen, dass sie mit Lins Engagement nichts zu tun haben will. (Dieser Tweet wurde später gelöscht, aber die Botschaft war deutlich.)

Es folgte ein kleines Chaos in den sozialen Netzwerken, direkt zwischen den Accounts der WPT. Kurz nach dem Statement des Hauptaccounts von WPT löschte WPT Global die ursprüngliche Ankündigung über Lin – als ob sie unter dem Druck der Kritik nachgeben würden. Doch schon am selben Abend meldete sich ein weiterer Spieler zu Wort: Der ClubWPT Gold Account (ein Schwesternprojekt von WPT für Freizeitspieler in den USA) konnte einen Kommentar nicht zurückhalten. Er teilte ein Bild mit Lins Foto, auf dem in großen Buchstaben „BANNED“ stand. ClubWPT machte somit deutlich, dass Ren Lin bei ihnen nicht spielen wird – geschweige denn sie repräsentiert. Auch dieser provokante Beitrag wurde später gelöscht, aber die öffentliche Auseinandersetzung zwischen WPT Global und ClubWPT war bereits entfacht.

In den Konflikt mischten sich sofort auch Einzelpersonen ein. Thomas Keeling, Kreativdirektor von ClubWPT, postete auf X ein Bild des berüchtigten Betrügers Mike Postle mit einer bissigen Anspielung an WPT Global: „Was treibt ihr da bloß, @wpt_global?“ David Lappin, bisheriger Botschafter von WPT Global, entfernte unterdessen jegliche Erwähnung von WPT Global aus seinen Profilen und begann, ironische Reaktionen zu posten – darunter ein Meme aus der Schlussszene des Paten mit dem Text „You broke my heart“.

WPT Globals Verteidigung und Lins zweite Chance

Trotz der Welle der Kritik versucht WPT Global, ihre Entscheidung zu verteidigen. Nach dem anfänglichen medialen Durcheinander wiederholte die Plattform die Ankündigung von Lin – diesmal mit einer klareren Erklärung ihres Standpunkts. WPT Global erklärt, dass sie volles Vertrauen in Lins Integrität haben und jeden Botschafter gründlich prüfen. In den sozialen Medien betonten sie, dass Botschafter nach ihren Leistungen ausgewählt werden, nicht nach der Anzahl ihrer Fans im Internet. WPT Global positioniert sich somit als Marke, die Leistung über Popularität stellt: „Andere mögen nach Einfluss streben, wir gehen einen anderen Weg.“ Gleichzeitig versprachen sie, bald Lins Erklärung und seine Version der Geschichte zu präsentieren, um die Gemeinschaft zu überzeugen.

In einer weiteren offiziellen Stellungnahme appellierte WPT Global an Werte wie Wachstum, Verantwortung und Erlösung. „Wir glauben an die Prinzipien zweiter Chancen“, erklärte die Plattform und betonte, dass Tony Lin seine Fehltritte offen eingeräumt hat, die Konsequenzen mit Demut angenommen und daraus gelernt hat. Seine Bereitschaft zur Verbesserung und Weiterentwicklung wurde von WPT Global als Ausdruck von Reife und Widerstandsfähigkeit angesehen, die im Einklang mit den Markenwerten stehen. „Unsere Entscheidung, mit Tony zusammenzuarbeiten, basiert auf dem Glauben an zweite Chancen und der Ausrichtung auf die Zukunft“, heißt es in der Erklärung von WPT Global.

Eine Entscheidung, die kaum jemand versteht

Trotz intensiver PR-Verteidigung bleibt die Poker-Community bezüglich Lins „Erlösung“ skeptisch. Kritische Kommentare fluten den Poker-Twitter und die Foren – für viele ist es ein unverständlicher und unpopulärer Schritt seitens WPT Global. Es gab viele sarkastische Bemerkungen: Der bekannte Pokerjournalist Barry Carter machte ironisch darauf aufmerksam, dass ein beim Betrug ertappter Botschafter viel weniger Motivation hat, erneut zu betrügen, als jemand, der nie betrogen hat.

Auf der anderen Seite gibt es auch Stimmen, die für eine gewisse Gelassenheit plädieren. Ein Teil der Community erkennt an, dass Lins Fall nicht schwarz-weiß ist. Die Tatsache, dass er selbst finanziell nicht aus dem Betrug profitiert hat (das Geld wurde den Geschädigten zurückgegeben), und dass er die Verantwortung öffentlich übernommen hat, führt bei einigen zu der Auffassung, dass eine vollständige Verurteilung Lin´s nicht angebracht ist. Die allgemeine Zustimmung ist jedoch, dass Lin eine Strafe verdient hat, aber eine zweite Chance erst mit einem angemessenen zeitlichen Abstand hätte erhalten sollen – nicht praktisch sofort.

Die nächsten Monate werden zeigen, was dieser kontroverse Schritt WPT Global und der Pokerwelt bringt. Für die Plattform selbst ist es zweifellos ein riskantes PR-Experiment – obwohl sie einen erfahrenen Spieler gewonnen haben, stehen sie vor negativer Publicity und einem potenziellen Vertrauensverlust eines Teils ihrer Spielerbasis. Ren Lin wird nun das Abzeichen von WPT Global bei Turnieren tragen, was bedeutet, dass die Kontroverse noch lange mit dieser Marke verbunden sein wird. Sicher ist, dass WPT Global mit diesem kontroversen Schritt eine große Bewährungsprobe eingegangen ist. Ob sich der Glaube an zweite Chancen auszahlt, werden die kommenden Monate zeigen – und vielleicht auch das unerbittliche Urteil der Pokeröffentlichkeit.

 

Quellen – WPT, X, PokerNews, PokerScout, flickr